Stefan Friedmann
Stefan Friedmann

Kurzgeschichten

Auf dieser Seite werde ich Euch in einigen Abständen Kurzgeschichten präsentieren, die ich ab 2019 ebenfalls als Videolesung bei Youtube reinstellen möchte.

Viel Vergnügen beim Lesen!!!

 

Fliegen​

„Es wird Ihrem Mann sehr viel Freude bereiten. Sie werden schon sehen“, sagte die alte Zigeunerin. Sie grinste und entblößte ein Gebiss, in dem sich mehr Lücken als Zähne befanden. Wilma nickte zufrieden, nahm das Paket aber mit einem mulmigen Gefühl im Magen entgegen. Sie war sich nicht sicher das Richtige zu tun.

„Glauben Sie mir, dieses Geschenk wird ihn umhauen. Es ist genau das, was Sie sich vorstellen“, lispelte die verschrumpelte kleine Frau mit den langen Ohrringen. Wilma drückte das Paket an ihren Busen und versuchte zu lächeln. Ein kläglicher Versuch.

„Und noch etwas“, fügte die Alte hinzu. „Sie sollten, wenn Sie Ihrem Ehemann das Geschenk überreicht haben, ein Fenster im Haus öffnen und im Anschluss einen ausgedehnten Spaziergang machen.“

Wilma wollte fragen, warum sie das tun sollte, verkniff es sich aber. Sie wollte nur noch raus aus diesem finsteren Loch, in dem man alles bekam, was man eigentlich nicht bekommen durfte. 

Ihre Freundin hatte ihr von diesem Laden, der sich im Keller unter einem schäbigen Restaurant befand, begeistert berichtet. Als sie die Adresse gehört hatte, wusste Wilma, dass es sich nicht im besten Viertel der Stadt befand, ganz im Gegenteil. Aber sie hatte Wilma überzeugt, hier genau das richtige für ihr Problem zu finden.

Nun verließ sie den Laden mit gemischten Gefühlen und machte sich mit dem Bus auf den Weg nach Hause.

Als sie die Haustür aufschloss, hörte sie den Fernseher mit voller Lautstärke wummern und hatte nichts anderes erwartet. Sie betrat die Stube und stellte das Paket auf den Tisch. Walter saß tief in seinem Sessel versunken und starrte mit von roten Äderchen durchzogenen, herabhängenden Wangen auf den Fernseher. Seine Augen waren, wie jedes Mal ab der Mittagszeit, blutunterlaufen. Ohne den Blick von dem dröhnenden Fernseher zu nehmen, sagte er mit  leicht verwaschener Stimme: „Hast du das Mittagessen schon fertig? Ich rieche noch nichts.“

Wilma, die noch mit ihrer Jacke in der Tür stand, bekam feuchte Hände.

„Nein, Essen ist noch nicht fertig. Dafür habe ich dir aber etwas mitgebracht.“

Nun sah er zum ersten Mal zu ihr auf. Walter schob seine Brille ein Stück höher und musterte seine Frau mit einem vernichtenden Blick.

„Was sagst du? Kein Essen? Fang bloß nicht an, wie die Hure von Mutter, die du hast. Verstanden? Das könnte sich zu deinem Nachteil entwickeln“, brummte Walter. Dann sah er das Paket auf dem Tisch.

„Was ist das?“, fragte er misstrauisch.

„Das habe ich beim Einkaufen gesehen und sofort an dich gedacht“, log Wilma.

„Und was ist drin?“, fragte Walter.

„Mach es auf.“

Beinahe hätte er ihr gesagt, dass sie nicht so frech sein solle. Doch er sparte sich die Spucke, das war sie nicht wert. Ohne ein weiteres Wort riss er das braune Papier ab. Zum Vorschein kam ein Sixpack Dosenbier.

„Die Schrift kenne ich nicht. Ist das eine ausländische Sorte?“, fragte er. „Davon bekomme ich Sodbrennen. Die Penner können alle kein vernünftiges Bier brauen. Ich glaube, die wollen uns mit ihrer billigen Plörre vergiften.“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Wilma wahrheitsgemäß, „probiere es doch einfach.“

Walter musterte sie noch einen Augenblick skeptisch. Dann öffnete er eine Dose und trank einen Schluck.

„Kann man trinken“, sagte er nickend und trank sie leer. Dann wischte er sich über den Mund und öffnete eine weitere.

„Ok“, sagte Wilma und betrachtete ihren Mann, wie er sich gierig das Zeug reinschüttete. „Ich gehe dann mal Essen machen.“ Walter starrte mit der Dose in der Hand auf den dröhnenden Fernseher und winkte mit dem Arm ab. Wilma verließ die Stube, schlich leise die Treppe nach oben, öffnete im Badezimmer ein Fenster, schlich wieder nach unten und verließ unbemerkt das Haus.

Walter sah vom Fernseher zum Fenster und beobachtete nun die jungen Nachbarszwillinge, die gerade in ihren kurzen Kleidchen Seilsprangen. Er grinste schief und dachte darüber nach, was er so alles mit den beiden anstellen könnte. Dann surrte eine Fliege heran und krabbelte über den Bildschirm des Fernsehers. Walter war irritiert. Er hatte nicht bemerkt, wo sie so schnell hergekommen war. Doch dann sah er eine weitere aus der leergetrunkenen Bierdose summen. Sie krabbelte auf dem oberen Rand herum. Es war ein dicker, grünlich schimmernder Brummer, der innehielt und ihn zu betrachten schien.

Walter war entsetzt. Er griff sich die Fernsehzeitung, rollte sie zusammen, peilte mit zusammengekniffenen Augen und schlug nach dem Brummer. Er verfehlte ihn und fegte stattdessen die Bierdose vom Tisch.

Die dicke Fliege brummte träge davon und setzte sich zu ihrer Artgenossin auf das Fernseherbild. Dort krabbelte sie dem Moderator einer Spielshow über das Gesicht. Das war Walter zu viel. Wütend sprang er auf, stapfte zum Schrank, kramte dort in einer Schublade herum und kam mit einer Fliegenklatsche zurück.

„So ihr Biester“, sagte er. „Ich weiß zwar nicht, wo ihr so schnell hergekommen seid, aber ich werde euch genauso schnell in die Hölle schicken.“

Vorsichtig schlich er zum Fernseher. Als er dicht genug war, holte er mit der Klatsche aus und schlug zu. Die Fliegen verfehlte er wieder. Doch als die Fliegenklatsche auf den Bildschirm patschte, ging er aus. Abrupt wurde es still im Wohnzimmer. Man hörte nur noch das Gelächter der seilspringenden Kinder und das konstante Brummen der Fliegen. Ein Geräusch, das Walter aggressiv machte.

Sie krabbelten nun auf dem Tisch herum als wären sie die Chefs und als er sich ihnen mit wutverzerrtem Gesicht näherte, sah er aus den Augenwinkeln, wie eine weitere Fliege aus der Dose kam. Und dann noch eine und noch eine und noch eine. Sie schwebten träge brummend empor und landeten alle auf dem Tisch.

Walter wollte den Mund öffnen und etwas sagen, aber dann sah er wie eine besonders fette aus seinem gerade geöffneten Bier krabbelte. Gefolgt von weiteren Artgenossen. Das konnte doch nicht sein. Plötzlich hatte er einen ekligen Geschmack im Mund und ihm wurde übel.

Weitere Fliegen traten aus der frisch geöffneten Dose heraus und gesellten sich zu den anderen. Sie bildeten eine lange Reihe.

„Das gibt es doch nicht“, stotterte er. Dann spürte er das Kribbeln in seinem Bauch. Es wanderte höher, durch seinen Hals in den Mund. Und als er ihn öffnete, konnte er kaum glauben, als eine grünliche Fliege herausflog und gemütlich durch die Luft zu den anderen schwebte.

Dann kribbelt es erneut und Walter schrie. In diesem Augenblick sprang der Fernseher wieder an, auf volle Lautstärke, wie um sein Schreien zu übertönen.

Walter fasste sich an den Hals, konnte jedoch nicht verhindern, dass weitere Fliegen aus seinem zum Schrei geöffneten Mund krochen.

Walter brüllte nach seiner Frau. Er sprang dabei wild durch das Zimmer und riss die Stehlampe um. Nun sah er aus wie die hüpfenden Mädchen auf dem Bürgersteig.

Als er auf dem linken Ohr taub wurde, riss er sich am Ohrläppchen, bis es blutete. Dann schwirrten drei Fliegen aus seiner Gehörmuschel und wanderten in seine Haare. Walter schlug sich mit voller Wucht auf das Ohr, doch es blieb taub.

Er riss die Tür auf und stürmte in den Flur. Die in einer Reihe lauernden Fliegen erhoben sich zeitgleich vom Tisch und folgten ihm als Schwarm.

Walter erstürmte die steile Holztreppe und stürzte auf der Hälfte. Das Schreien verebbte in ein hilfloses Wimmern, als der Schwarm sich auf ihm niederließ.

Walter kroch auf allen Vieren weiter empor und erreichte mit letzter Kraft den oberen Flur. Er zog sich am Geländer hoch und stolperte mit einer um sich wedelnden Hand Richtung Badezimmer. Er wollte nach Wilma rufen, doch sein Mund war mittlerweile voll von Fliegen, die über seine Zunge und Zähne krabbelten. Im Badezimmer sah er seine letzte Hoffnung.

Mit einer dunklen Fliegentraube um seinen Kopf und schwer taumelnd riss er die Tür auf, schleppte sich zur Wanne und ergriff die Duschbrause, die in einem verchromten Halter an der Wand hing. Doch bevor er sie anstellen konnte, um die Biester von seinem Körper zu spülen, bemerkte er einen schmerzenden Druck hinter seinem linken Auge. Kurz darauf plumpste es blutend in die Badewanne und rollte wie eine Murmel in ihr herum. Aus dem neuen Loch in seinem Kopf drängelten mehrere Fliegen, dann fiel das andere Auge. Walter schrie ein letztes Mal. Aus seinem Rachen trat dabei ein ganzer Schwarm aus und machte sich über die Augen her. Dann polterte Walter kopfüber in die Wanne.

Als Wilma eine Stunde später die Haustür öffnete, lief der Fernseher immer noch. Sie stellte ihn ab und sah kurz aus dem Fenster. Die Mädchen waren verschwunden.

Sie ging nach oben ins Bad und betrachtete die Wanne, in der sie nur noch einige Kleidungsstücke ihres Mannes fand. Er selber war komplett verschwunden. Ihre Freundin hatte recht gehabt - mit dem Geschenk würden sich ihre Probleme einfach auflösen. Sie schaute aus dem Fenster und betrachtete die Wolken am Himmel. Dann schloss sie es lächelnd.       

     

 

 

  

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(Stefan Friedmann, Barenburg)

 

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