Stefan Friedmann
Stefan Friedmann

Kurzgeschichten

Auf dieser Seite werde ich Euch in einigen Abständen Kurzgeschichten präsentieren, die ich ab Ende 2019/Anfang 2020 ebenfalls als Videolesung bei Youtube reinstellen möchte.

Viel Vergnügen beim Lesen!!!

 

Das Brettspiel

Rüdiger stand im Türrahmen des Kinderzimmers und beobachtete seinen Enkel. Der trug ein Headset und kommunizierte lautstark mit einem Klassenkameraden, der zwei Kilometer entfernt dasselbe Spiel auf der Playstation spielte. Rüdiger betrachtete ihn eine ganze Weile, dann schüttelte er den Kopf und stieg die Treppe nach unten, wo ihn seine Tochter erwartete.

„Meine Güte. Macht der das den ganzen Tag? Der wird ja süchtig davon. Früher sind wir als Kinder in die Natur gegangen und haben Buden gebaut. Heute hängt die Jugend nur noch vor diesen Flimmerkisten. Haben überhaupt keine Zeit mehr für was anderes. Der Junge sollte mal an die frische Luft gehen. Oder ein schönes Brettspiel spielen. Das habe ich immer gerne gemacht, auch mit dir und deinem Bruder.“

Klara hatte ihren Vater in Ruhe ausreden lassen. Sie kannte seine Ansprachen zu genüge.

„Papa, Tom ist nicht süchtig. Er spielt doch nicht den ganzen Tag. Außerdem hat er gleich noch Fußballtraining. Mach dir darüber mal keine Gedanken“, sagte Klara und war ein wenig verärgert. Ihr Vater besuchte sie regelmäßig. Er hatte vor wenigen Wochen ein kleines Häuschen in der Nachbarschaft gekauft. Trotzdem wusste er deswegen nicht besser über den Tagesablauf ihrer Kinder Bescheid. Auch wenn er so tat. Trotzdem liebte sie den alten Knatterkopf. Er hatte für die Familie immer alles getan, was möglich gewesen war.

„Sie sollten mehr Gesellschaftsspiele spielen oder im Garten herumtollen. Brettspiele machen nicht süchtig. Diese neumodischen Dinger schon.“

„Ach, Papa. Lass das doch. Übrigens, Markus wollte nochmal nachfragen, was mit dem Vorbesitzer vom Haus geschehen ist, das du gekauft hast. Die wollten beim Makler nicht richtig raus mit der Sprache. Das ist schon etwas beunruhigend.“

„Papperlapap. Da gibt`s nichts Beunruhigendes“, sagte Rüdiger und winkte ab.

„Wie gesagt, wenn ich mehr weiß, gebe ich dir Bescheid.“

Nachdem Rüdiger sich von Klara verabschiedet hatte, ging er nach Hause. Er setzte sich in die Küche und betrachtete die Uhr an der Wand.

„Wie kann man nur seine wertvolle Zeit mit diesem Schwachsinn vergeuden. Total verrückt die heutige Jugend“, flüsterte er. Nachdem seine Frau vor einem Jahr verstorben war, führte er immer häufiger Selbstgespräche, wahrscheinlich um der Einsamkeit ein Schnippchen zu schlagen. Mittlerweile nahm er die Gespräche nicht einmal mehr wahr.

Während Rüdiger auf die Zeiger der Uhr starrte, fiel ihm die große Kiste ein, die er vor einigen Tagen beim Aufräumen im Abstellraum gefunden hatte. Da es für Abendbrot noch zu früh war, beschloss er den Inhalt der Kiste genauer unter die Lupe zu nehmen.

Mit beiden Armen zerrte er sie aus der Ecke des kleinen Raumes und zog sie auf den Flur, wo er besser sehen konnte. Er öffnete den Deckel und legte ihn zur Seite. Was er dann entdeckte, konnte er kaum glauben. Die Kiste war randvoll mit alten Brettspielen. Seine schlechte Laune war wie weggeblasen.

„Der Vorbesitzer hat alte Brettspiele gesammelt. Das ist ja interessant“, sagte Rüdiger. Vorsichtig nahm er die Spiele heraus und stapelte sie neben der Kiste zu mehreren Türmchen. Einige von ihnen kannte er, andere waren ihm gänzlich unbekannt. Als er das letzte Spiel herausnahm, begann sein Herz schneller zu schlagen.

Kurz schien die Zeit für Rüdiger angehalten worden zu sein. Im nächsten Augenblick schien es, als würde sie sich rasend schnell rückwärts drehen … und in Rüdigers Kindheit anhalten. In seinen Händen hielt er das Spiel, das ihn als kleiner Junge stundenlang beschäftigt hatte. Ach was, tagelang.

Während er aufstand, bemerkte er, dass ihm die Knie weich geworden waren. Rüdiger zitterte. Mit pochendem Herzen trug er den vergilbten Karton in die Küche und legte ihn auf den Tisch. Rüdiger war so aufgeregt, dass er sich beinahe neben den Stuhl gesetzt hätte. Er nahm den Deckel ab und inspizierte den Inhalt.

„Flitzekugel!“, flüsterte er. „Mein Gott, ich weiß nicht wie oft ich dieses Spiel gespielt habe. Und es ist mir nicht einmal gelungen, die kleine Kugel durch das Holzlabyrinth zur Glocke ins Ziel zu steuern. Das hat mich damals echt fertig gemacht.“

Vorsichtig nahm er das Spiel aus dem Karton und legte es vor sich hin. Er drehte an den beiden Holzrädern, mit denen man die Neigung des Brettes verstellen konnte und somit die Kugel auf ihrer Bahn in Bewegung brachte. Alles funktionierte tadellos. Als wäre das Spiel gerade in einem Spielzeugladen gekauft worden.

„Okay, wollen mal sehen, ob ich es diesmal schaffe. Wäre ja gelacht“, sagte Rüdiger. Er blickte auf die Uhr an der Wand und legte die kleine Silberkugel in die Bahn. Dann drehte er an den Holzrädern. Die Kugel rollte los, bewältigte flott die erste Schikane über eine kleine Wippe, dann um die Ecke … und plumpste kurz darauf in eines der vielen Löcher, an denen man die Kugel geschickt vorbeibugsieren musste. Rüdiger stöhnte auf.

„Ganz ruhig, alter Mann. Du bist etwas eingerostet, doch das wird schon wieder. Spiel dich warm.“

Zwei Stunden und beinahe zwanzig Versuche später wurden seine Hände feucht und seine Kehle trocken. Mittlerweile schaffte es die Kugel um die Ecke und durch den dahinterliegenden kurzen Tunnel, scheiterte aber am Magneten, der mit einem Hebel bedient wurde und die Kugel über ein Loch hob. Die Kugel fiel ständig zu früh ab.

„Das darf nicht wahr sein“, schrie Rüdiger. „Dieses kleine Miststück will mich fertig machen. Aber du schaffst mich nicht … du nicht.“ Rüdiger hatte das Abendessen komplett vergessen.

Irgendwann in der Nacht begann sein Rücken zu schmerzen und seine Blase drückte fürchterlich. Doch er konnte nicht aufgeben. Jetzt, wo er schon die Hälfte der Strecke geschafft hatte. Selbst dem dämlichen Hartmann-Jungen war es damals gelungen die Kugel ins Ziel zu bringen. „Wenn dieser Idiot das geschafft hat …“. Rüdiger presste unten zusammen, das Pinkeln musste warten.

Kurz vor dem Morgengrauen konnte er nicht mehr bei sich halten und ließ einfach laufen. Während die warme Flüssigkeit seine Beine hinab ran, rissen seine mittlerweile spröden Lippen ein. Blut tropfte auf das Spiel. Rüdiger bemerkte es nicht.

Gegen zehn Uhr morgens klingelte es an der Haustür. Selbst wenn Rüdiger es gewollt hätte, wäre es ihm nicht gelungen, rechtzeitig zur Tür zu gelangen, um dem Postboten zu öffnen. Sein Körper war nach sechzehn Stunden dauerspielen völlig eingerostet. Die Schmerzen in seinem Rücken nahm Rüdiger schon lange nicht mehr wahr. Es schien so, als wäre er seinem Körper entstiegen. Nur das Spiel zählte. Nur das Spiel und die kleine Glocke, die er unbedingt bimmeln hören wollte, wenn die Kugel über die Ziellinie sauste. Koste es, was es wolle.

Die Flüche, die er krächzend durch seinen verdorrten Hals presste, wurden langsam leiser. Rüdiger hatte Mühe sich am Küchentisch aufrecht zu halten. Sein geschwächter Körper schwankte wie auf See.

Seine Stimme klang hohl und weit entfernt, als er sagte: „Hartmann-Junge … denke nicht, dass du besser bist als ich. Ich gebe nicht auf … niemals.“ Rüdiger nickte dem kleinen Kind zu, das ihm nun schon seit einigen Minuten gegenüber saß und grinsend beim Spielen zusah. Rüdiger fletschte die Zähne. Der dickliche Junge nickte.

„Ich weiß, was du denkst. Dass ich es nicht schaffen werde … oh doch, das werde ich. Schau nur, ich …“, flüsterte Rüdiger, dann plumpste die Kugel kurz vor dem Ziel in ein Loch. Rüdiger heulte auf. Mittlerweile war der Schmerz in seiner Seele größer, als der in seinen Gelenken. Er starrte den Jungen aus blutunterlaufenen Augen an.

„Das gefällt dir, was? Doch dies ist nicht das Ende“, sagte er zu dem Jungen, der immer noch regungslos vor ihm saß. Dann legte Rüdiger die Kugel zum x-ten Male in die Bahn.

Stunden später hörte er die Klingel nicht. Er wusste nicht, dass seine Tochter ihm die Nachricht überbringen wollte, dass der Vorbesitzer in dem Haus verrückt geworden war und nun in der Psychiatrie steckte. Das alles würde sie ihm nicht mehr sagen können. Denn als sie nach dem sechsten Klingeln um das Haus ging und durch das Küchenfenster blickte, sah sie ihren Vater. Er saß am leeren Küchentisch und fuchtelte mit den Händen vor sich in der Luft herum, als würde er etwas in den Fingern halten und daran herum drehen. Sein Blick war wirr und seine Augen waren in die Höhlen zurück gerutscht. Er schien sich mit jemandem zu unterhalten. Doch außer ihm war niemand in der Küche.

„Hartmann-Junge“, flüsterte Rüdiger. „Ich werde es schaffen … ich höre die Glocke … die Glocke … das verspreche ich dir … verspreche ich.“

Der Junge grinste breit und nickte zufrieden.             

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(Stefan Friedmann, Barenburg)

 

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