Stefan Friedmann
Stefan Friedmann

Kurzgeschichten

Auf dieser Seite möchte ich Euch in regelmäßigen Abständen Kurzgeschichten präsentieren, die ich ab Januar 2018 ebenfalls als Videolesung bei Youtube reinstellen werde.

Viel Vergnügen beim Lesen!!!

Der Mitternachtsbus

 

Dass Nick aufwachte, lag nicht an dem kurzen Rumpeln oder dem leichten Schlag gegen die Stirn, sondern an dem Traum, in dem er schwer mit einem Fahrrad gestürzt war. Vielleicht weil Tina ihn ständig dazu drängte, sich eines zu kaufen, damit er nicht immer mit dem Bus zur Arbeit fahren müsste. Sie behauptete, es würde ihn langsam fett machen.

Nun war er wach, wischte sich getrocknete Spucke vom Kinn und blinzelte verschlafen in den Bus. Von der letzten Bank aus hatte er einen guten Überblick und als er eingeschlafen war, war er der einzige Fahrgast gewesen. Nun saß jemand zwei Reihen vor ihm. Der Fremde musste zugestiegen sein, während Nick geschlafen hatte.

Nick schaute auf seine Uhr, es war kurz nach Mitternacht. Er reckte sich und gähnte lautlos, dann musterte er den neuen Mitfahrer genauer. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Der junge Mann trug einen grauen Kapuzenpulli, den er sich über den Kopf gezogen hatte. Er starrte auf den dreckigen Boden und murmelte vor sich hin, wobei er durchgehend leicht den Kopf schüttelte.

Nick stand auf und setzte sich in die parallele Sitzbank auf der anderen Seite des Ganges. Von dort aus sah er, dass der graue Pullover des Mannes blutverschmiert war. Er hatte seine Hände im Schoß gefaltet und knetete sie umständlich. Lange, braune Haare lugten wirr aus der Kapuze heraus.

„Ich weiß es nicht … weiß es nicht…“, flüsterte er ohne seine blauen Turnschuhe aus den Augen zu lassen, auf denen sich Blutspritzer befanden. An seiner linken Hand trug er einen goldenen Siegelring. Vielleicht den Ring einer Studentenvereinigung?

Was stimmte nicht mit diesem Typen? Das Blut, das Gemurmel, das nervöse Händekneten; der Fremde war ihm unheimlich. Nick schaute aus dem Fenster und dachte nach. Draußen zog Berlins beleuchtete Innenstadt vorüber, die ihm nun völlig fremd vorkam. Nick fühlte sich unwohl. Dann nahm er seinen Mut zusammen und wandte sich dem Fremden zu.

„Alles ok mit dir? Du blutest ja, haben sie dich überfallen?“

Der Fremde schaute jetzt zum ersten Mal auf. Er starrte Nick mit weit aufgerissenen Augen an. Verwirrte, ängstliche Augen, die glanzlos waren. Seine farblosen Lippen bebten. Getrocknetes Blut klebte an seiner Wange.

„Ich weiß es nicht“, stammelte er. „Ich bin gestürzt, dann … war ich hier drinnen.“

Er schaute sich um. „Wo bin ich hier überhaupt?“

„Linie zwölf. Ich nenne sie den Mitternachtsbus. Damit fahre ich von der Arbeit nach Hause. Mitternachtsbus wegen der Uhrz…“

„Ich kann mich an nichts erinnern. Da kam dieses Auto, ich bin mit dem Fahrrad ausgewichen … dann weiß ich nichts mehr“, schnitt der Fremde Nick das Wort ab.

„Du hattest einen Fahrradunfall?“

Der junge Mann kramte in seiner Hosentasche. „Mein Haustürschlüssel ist weg, ich muss ihn verloren haben“, sagte er mit zitternder Stimme. „Ich komme nicht ins Haus.“

„Vielleicht in der Pullovertasche. Ich denke aber, es ist besser, wenn du erstmal ins Krankenhaus fährst. Du bist völlig blass und vor allem bist du verletzt.“

„Mein Haustürschlüssel … verdammt, was ist nur los? Ich kann mich nicht erinnern in den Bus gestiegen zu sein.“

Bevor Nick etwas erwidern konnte, sah er das Blinken auf der Straße. Der Bus wurde langsamer, dann stoppte er. Nick stand auf und stellte sich in den Gang, um besser sehen zu können. Der Fremde stand ebenfalls auf und stellte sich hinter ihn. Er starrte aus trüben Augen auf Nicks Nacken. Dann wühlte er in der Tasche seines Pullovers.

„Was zum Teufel ist das? Was ist hier los?“, fragte Nick.

„… ist hier los?“, echote der Fremde, dann zog er etwas Glänzendes aus der Tasche. Er trat noch dichter an Nick heran, der durch das Geschehen auf der Straße abgelenkt war.

„Verdammt, das gibt`s doch nicht“, stammelte Nick. Der Fremde stand nun direkt hinter ihm und hob seinen Arm. Nicks Aufmerksamkeit blieb von dem, was auf der Fahrbahn vor sich ging, gefesselt

„Ich habe meinen Schlüssel gefunden, danke“, sagte der Fremde plötzlich und hielt ihn Nick schräg unter die Nase. „Du hast mir sehr geholfen.“

„Schön“, antwortete Nick geistesabwesend und trat neben den Fahrer an die Windschutzscheibe. Es war nicht der Krankenwagen, der ihm einen Schock versetzte. Es war die Person, die großteils von einer Plane verdeckt im zuckenden Licht des Krankenwagens neben einem zerstörten Fahrrad auf der Fahrbahn lag. Blaue Turnschuhe lugten unter der Plane heraus. Genauso ein verdrehter Arm, an dessen Ringfinger ein klobiger Siegelring saß. Nick erstarrte und drehte sich vorsichtig um. Doch in dem Bus befand sich außer ihm und dem Fahrer niemand mehr. Der Fremde war verschwunden.

Nick ließ sich verwirrt auf einen Sitz plumpsen. War er tatsächlich einem Toten begegnet? Er wollte den Fahrer darauf ansprechen, ließ es aber sein und als der Bus weiterfuhr, entschied er sich, Tina zu erzählen, dass er sich kein Fahrrad kaufen würde. Das wäre viel zu gefährlich.          

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(Stefan Friedmann, Barenburg)

 

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