Stefan Friedmann
Stefan Friedmann

Leseprobe

DAS TEUFELSHAUS

 

Eine tote Ehefrau, ein toter Sohn: Bilanz einer schrecklichen Nacht, die für Mickey niemals zu enden scheint.

Fünfzehn Jahre hat er wegen Mordes im Gefängnis verbracht. Nun kehrt Mickey zurück nach "Haus Seeblick", einen dunklen Ort, an dem er sich den Geistern und Dämonen seiner Vergangenheit stellen muss. Ein erbarmungsloser Kampf mit einem übermächtigen Gegner, um die Seelen seiner Liebsten beginnt. Ein Kampf auch um seine eigene Seele.

 

 

 

Die Liebe endet nicht mit dem Tod.

 

... der Junge weinte. Dustin. Mickey erkannte das mit Tränen und Rotz verschmierte Gesicht seines Sohnes. Dustin zitterte am ganzen Körper. Stumpfe Tränen kullerten ihm über die Wangen, tropften herunter und verschwanden in der Dunkelheit. Immer wieder blickten sich die beiden um, als würde dort hinten, in der endlosen Schwärze etwas lauern. Irgendwas, vor dem sie sich unsagbar fürchteten.

Er begriff, dass Susan ihm eine Nachricht vermitteln wollte. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er verstand kein Wort. Sie befand sich nur noch zwei Handbreit vor ihm und er erkannte den kleinen Leberfleck in Herzform auf ihrer linken Wange. Er wollte sie berühren, sie in den Arm nehmen und beruhigen. Er wollte ihr Gesicht streicheln und seine Finger über ihre graue Haut gleiten lassen. Doch als er seine Hand nach ihr ausstreckte, traf er auf Widerstand, als würde eine unsichtbare Wand zwischen ihnen bestehen.  Ein Gefühl als berührte man kaltes, durchsichtiges Eis ohne seine typischen, durch Luftbläschen entstandenen Unregelmäßigkeiten. Doch da war noch etwas anderes. Etwas, dass man nicht in Worte packen konnte. Eine fremde bösartige Präsenz.

Wieder diese hastigen, ängstlichen Blicke tief in die Dunkelheit hinein, die sich hinter ihnen edlos auszudehnen schien. Er fühlte den Schmerz, schmeckte ihre Angst. Das Andere schien sich zu nähern, weit hinten aus der Finsterniss zu ihnen zu kriechen. Was auch immer es war, es wollte nicht, dass sie miteinander kommunizierten.

Susan begann hektisch mit den Armen zu gestikulieren und formte mit den Händen eine Figur. Es schien ihr wichtig. Tränen quollen wie kleine Eisklumpen aus ihren Augen und rannen in dünnen Rinnsalen die Wangen herab. Sie drückte den kleinen Dustin eng an sich und strich behutsam über seine braunen Haare.

Susan wurde panisch, fing erneut an zu schreien und schlug mit der Faust gräuschlos an das unsichtbare Eis. Ihr Atem kondensierte und blieb an der Trennwand hängen, wo er einen milchigen Fleck bildete. Dann schaute sie zurück und wurde ruhiger. Ihre Gesichtszüge entspannten sich.

Susans Händfläche blieb auf der unsichtbaren Barriere liegen. Er verstand die Geste und legte seine deckungsgleich auf die andere Seite.

Sie lächelte und schien sich mit dem Kommenden abzufinden. Ihre spröden Lippen formten drei Worte. Worte, die er auch ohne Laut verstand.

ICH LIEBE DICH

Er wiederholte sie und während er ihr Lächeln erwiderte, bildeten sich Risse in der Eiswand; zogen sich kreuz und quer von ihren Händen ausgehend in alle Richtungen. Die Trennschicht wurde spröde und dadurch immer undurchsichtiger. Für einen kurzen Augenblick erkannte er, durch Millionen feinster Risse, wie Spinnenweben, eine dunkle Aura, die sich hinter seiner Frau und seinem Sohn aufbaute. Dann schlossen die nächsten Spinnenweben die letzten Lücken und als er seine Hand zurückzog, durchfuhr ihn ein unsagbarer Schmerz. Als würde er in siedendes Wasser getaucht, dass ihm das Fleisch von den Knochen kochte. Er schrie.

Und als der Schrei anfing in seinen Ohren zu klingeln, wurde er wie an einem unsichtbaren Gummiband zurückgezogen. Fort von der Wand. Die Schneeflocken rasten mit ungeheurer Geschwindigkeit an ihm vorbei. Sein Schreien wurde lauter, steigerte sich zu einem schrillen Gekreische und als er dachte, er müsste verbrennen, wurde er wach.

Schweißgebadet saß Mickey in seinem Bett. Sein Herz raste so heftig, dass er froh war, mit vierundvierzig immer noch fit zu sein, sonst wäre die Pumpe sicherlich stehen geblieben. Sein Puls beruhigte sich und er fand sich langsam wieder zurecht. Mickey sortierte seine Gedanken, wusste nun, wo er sich befand und dass Susan und Dustin seit fünfzehn Jahren tot waren.

Durchgeschwitzt und schwer atmend legte er sich auf das Bett zurück. Seine Hand tastete durch die Dunkelheit, fand die Nachtischlampe und schaltete sie an. Kaltes Licht flutete den Raum und legte ein schäbiges Hotelzimmer frei. Sein Blick blieb kurz an der schlecht gestrichenen Decke kleben. Er dachte über den Traum nach, der ihn mittlerweile seit fünfzehn Jahren quälte. Aber irgendetwas war diesmal anders. Schlaftrunken wischte er sich das verschwitzte Haar aus der Stirn und dann fiel es ihm ein: Ihre Hände hatten eine Figur geformt. Das kam in den anderen Träumen nicht vor, dazu kam sie nie, da die Spinnenweben ihr immer zuvor gekommen waren. Mickey wusste was sie mit ihren Händen geformt hatte. Und er wusste auch warum.

"Haus Seeblick, du hast uns unser Ferienhaus gezeigt", flüsterte er und ihm schauderte. Dann schaltete Mickey das Licht aus. Als er sich wieder auf die Seite drehte ...

 

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(Stefan Friedmann, Barenburg)

 

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